Als ich gleich nach der Matura in die Stadt gezogen bin, habe ich mich zuerst gefreut. Endlich weg von zu Hause! Zu meinen Eltern habe ich kein besonders gutes Verhältnis, wir sind zwar nicht zerstritten, aber viel zu sagen haben wir einander auch nicht. Und weil ich als Einzige aus unserer Ortschaft keine Lehre gemacht habe, sondern aufs Gymnasium gegangen bin, habe ich auch kaum gleichaltrige Freunde in unserem Dorf. Während meine Altersgenossen am Wochenende mit ihren Mopeds durch die Gegend gebraust sind und ihre Lehrlingsentschädigung auf den Kopf gehaut haben, habe ich gelernt. Gute Noten waren mir wichtig, immerhin wollte ich nicht so enden wie meine Eltern. Die sind beide in ihren Berufen unzufrieden und warten im Grunde nur noch auf die Pension. So wollte ich auf keinen Fall werden. Ich wollte unbedingt einen Job haben, der mir Spaß macht und mich fordert. Leider haben meine Eltern das anders gesehen.

„Wenn du schon unbedingt die Matura machen willst, musst du selbst zurechtkommen“, hatte meine Mutter damals gemeint, nachdem mein Klassenvorstand ihr geraten hatte, mich nach der Hauptschule in die AHS zu schicken. Und so war es dann auch. Meine Eltern hätten mir beim Lernen nicht helfen können, selbst wenn sie gewollt hätten. Wollten sie aber ohnehin nicht. Bis heute schauen sie mich komisch an, wenn ich erzähle, wie spannend Mathematik oder Geschichte sein kann. Und obwohl ich mit vierzehn froh war, endlich auf die höhere Schule zu kommen, habe ich mir dann auch dort schwergetan, Freunde zu finden. So war ich dann nicht nur zu Hause eine Außenseiterin, sondern auch in der Schule.

Deshalb dachte ich, wenn ich erst mal auf der Uni bin, wird alles besser.
Am Anfang ist auch wirklich alles sehr gut angelaufen. Kaum hatte ich das Maturazeugnis in der Tasche, bin ich mit Sack und Pack in die Stadt übersiedelt. Ich habe mir ein WG-Zimmer gesucht und einen Nebenjob, um mein Stipendium etwas aufzubessern. Aber am meisten hat mich gefreut, dass meine Mitbewohnerinnen in der Wohngemeinschaft wirklich nett waren. Sie kamen auch vom Land und wenn ich von meinen Schwierigkeiten zu Hause erzählt habe, wussten sie genau, wovon ich rede. Wir sind dann am Abend oft auf ein Bier gegangen oder haben an den Wochenenden zusammen gekocht. Zum ersten Mal war ich unter Menschen, die mich nicht für eine Außerirdische gehalten haben, die ihren Kopf nur in die Bücher steckt. Deshalb sind die Besuche bei meinen Eltern auch immer weniger geworden.

„Na, wie geht´s denn unserer Frau Doktor?“
Das ist der Spruch, mit dem mein Vater mich bis heute empfängt, wenn ich ab und zu auf Besuch nach Hause fahre. Scheinbar findet er das witzig. Inzwischen habe ich schon lange aufgehört, ihm zu erklären, dass ich mitten im Studium stecke und von einem Doktorat noch lange keine Rede sein kann. Trotzdem kränkt mich seine Gleichgültigkeit. Dass ich mir alles, was ich bis jetzt geschafft habe, hart erarbeiten musste, sieht er nicht. Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, hätte ich etwas „Handfestes“ lernen sollen. Etwas, wofür man nicht jahrelang lernen und studieren muss. Dass mich mein Studium wirklich interessiert, können sie einfach nicht nachvollziehen. „Die ganze Streberei“ ist aus ihrer Sicht nicht mehr als ein Hirngespinst, mit dem ich mich wichtigmachen möchte.

Deshalb war ich meistens heilfroh, wenn ich nach einem Wochenende daheim wieder in mein eigenes Leben fahren konnte. Allerdings ist genau dieses neue Leben plötzlich total aus den Fugen geraten. Denn unsere Wohngemeinschaft musste aufgelöst werden. Der Vermieter wollte den Vertrag nicht mehr verlängern, und eine andere Wohnung in dieser Größe hätte sich niemand von uns leisten können. Deshalb sind zwei Mitbewohnerinnen dann mit ihrem Freund zusammengezogen, eine ist ins Ausland gegangen und ich bin ins Studentenwohnheim übersiedelt. Dort habe ich dann erst so richtig begriffen, dass man im Studium nur eine Nummer ist. Im Massenbetrieb kämpft jeder für sich und in Summe sind es einfach viel zu viele Leute, als dass man die anderen ein bisschen besser kennen lernen würde. Zu Beginn des Studiums war mir das gar nicht so richtig aufgefallen, ich hatte ja meine Freundinnen in der WG. Aber nachdem die in alle Himmelsrichtungen verstreut waren, hat mich wieder die alte Einsamkeit geplagt. Natürlich haben wir uns am Anfang versprochen, uns regelmäßig zu melden, aber bald war ich die einzige, die sich um die anderen bemüht hat. Die Kontakte und Nachrichten sind immer weniger geworden und irgendwann wurde mir klar, dass das, was ich für Freundschaft gehalten habe, für die anderen nur eine Zweckgemeinschaft war. Deshalb habe ich dann erst mal versucht, im Studentenheim Anschluss zu finden. Aber die Leute dort kommen und gehen, das Heim ist nicht sehr komfortabel und deshalb versucht jeder, der es sich leisten kann, so schnell wie möglich eine andere Unterkunft zu finden.

Aber natürlich liegt es auch an mir. Ich war immer schon der schüchterne Typ. Auf Partys stehe ich meistens nur in irgendeiner Ecke und halte mich an meinem Glas fest. Es fällt mir einfach schwer, auf Leute zuzugehen, zu groß ist meine Angst vor Ablehnung. Deshalb bin ich dann auch die meiste Zeit in meinem kleinen Einzelzimmer im Studentenwohnheim gesessen und habe gelernt. Wenn ich meinen Nebenjob nicht gehabt hätte, wäre ich komplett durchgedreht. Dort war ich zumindest ein paar Stunden pro Woche unter Leuten und konnte mal ein freundliches Wort mit jemandem wechseln. Aber der Stress in der Firma ist groß und die Chefin sieht es nicht gerne, wenn wir während der Bürostunden allzu privat werden. Außerdem sind die meisten meiner Arbeitskollegen um einiges älter als ich, die haben alle Familie und natürlich keine Zeit, nach Feierabend oder am Wochenende mal was gemeinsam zu unternehmen.

So bin ich dann auch weiterhin jeden Morgen aufgestanden und habe so getan, als ob alles in bester Ordnung wäre. Ich habe funktioniert und niemand hat mich gefragt, wie es mir geht. Bald hatte ich den Eindruck, dass die Einsamkeit an mir klebt wie eine ansteckende Krankheit. Je mehr ich mich bemüht habe, desto reservierter wurden die anderen. Als ob sie instinktiv gespürt hätten, wie verzweifelt ich auf der Suche war. Dabei habe ich mir nichts anderes gewünscht als eine Freundin. Jemanden, mit dem ich offen reden kann. Jemanden, der an meinem Leben Anteil nimmt und mit dem ich auch mal lachen kann. Aber so jemanden habe ich nicht gefunden. Und dann habe ich mich natürlich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Denn wenn ich mich so unter meinen Altersgenossen umgeschaut habe, hatte ich immer den Eindruck, dass alle außer mir ein erfülltes Leben führen. Oder war das auch nur schöner Schein? Weil die anderen, genau wie ich, auch Angst hatten, als Außenseiter zu gelten? Als jemand, der eben nicht perfekt ist und der sich einfach nur wünscht, aus dem ständigem Erfolgsdruck und Leistungsdenken endlich mal aussteigen zu können?

„Wer bin ich eigentlich?“
Diese Frage habe ich mir in dieser Zeit sehr oft gestellt. Und weil ich ohnehin nichts mit mir anzufangen wusste, habe ich begonnen, zu schreiben. So eine Art Tagebuch, das habe ich schon als Kind gemacht, ganz still und heimlich für mich alleine. Und nach ein paar Monaten bin ich dann auf die Idee gekommen, nicht mehr heimlich zu schreiben. Ich habe mir überlegt, einen Blog zu eröffnen und obwohl ich Angst hatte, mich total zu blamieren, habe ich es schließlich trotzdem gemacht. Das ist gar nicht so schwer, kostenlose Anbieter und Blogplattformen gibt es genug und auch Anleitungen, wie man die Sache Schritt für Schritt angeht. Dort habe ich dann alles eingestellt, was mir durch den Kopf gegangen ist. Ich habe über den Umzug in die Stadt geschrieben und über das Leben auf der Uni. Über diesen ganzen Massenbetrieb, in dem sich jeder nur selbst der Nächste ist. Und ich habe beschrieben, wie sehr ich mir Freunde wünsche und dass ich es satt habe, mich dafür zu schämen oder zu verstecken. Deshalb wollte ich auch nicht anonym bloggen, das wäre mir das total sinnlos erschienen. Ich habe offen zugegeben, dass oft mehrere Tage hintereinander vergehen, an denen ich kein einziges Wort mit irgendjemandem gesprochen habe. Noch nicht mal mit der Kassiererin im Supermarkt, denn wenn man Pech hat, wird man ja auch dort nur wortlos abgefertigt.

Und dann ist etwas Interessantes passiert. Je ehrlicher ich war, desto mehr Leser hat mein Blog bekommen. Offenbar konnten die Leute mit dem, was ich schreibe, etwas anfangen. Plötzlich war richtig viel Traffic da. Da habe ich dann kurz überlegt, wieder aufzuhören. Irgendwie kam es mir dann fast ein bisschen bedrohlich vor, mein Seelenleben so öffentlich preiszugeben. Aber nach ein paar schlaflosen Nächten habe ich mich entschieden, weiterzumachen. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich wirklich etwas bewirken kann. Ich wollte, dass auch andere den Mut finden, zu sich und ihren Schwächen zu stehen. Ohne Zuckerguss und Trallala. Deshalb habe ich meinen Blog dann auch über verschiedene Social Media Kanäle öffentlich gemacht. Das war eine ganz schöne Challenge, denn natürlich sind dort nicht nur wohlmeinende und freundliche Menschen unterwegs. Manchmal habe ich mich richtig über mich selbst gewundert: Wo war das schüchterne Mädchen geblieben? Aber es hat einfach immer mehr Spaß gemacht, meine eigenen Gedanken zum Ausdruck zu bringen und dabei mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Dabei ging es gar nicht so sehr darum, sich auch im echten Leben zu treffen. Es ging vor allem um den Austausch, um die Kommentare und um die Erfahrung, dass sich gar nicht so wenige mit ähnlichen Problemen herumschlagen wie ich.

Ich glaube, genau das hat mir immer gefehlt. Vielleicht ist es mir auch deshalb so schwergefallen, Freunde zu finden. Weil ich immer versucht habe, die Person zu sein, die andere von mir erwarten. Die Person, die anderen gefällig ist und darauf achtet, dass es ihnen gut geht. Ganz egal, ob etwas zurückkommt. Mir war immer wichtig, dass ich den Leuten das Zusammensein mit mir so angenehm und unkompliziert wie möglich gemacht habe. Ich habe mir stundenlang ihre Probleme angehört. Wenn ich dann allerdings auch selbst mal was erzählen wollte, war Funkstille. In meinem Blog war das anders. Je mehr ich über mich und meine Gefühle und Bedürfnisse geschrieben habe, desto mehr positive Rückmeldungen habe ich bekommen. Rückblickend hat mich das gelehrt, besser auf mich zu achten. Heute passe ich darauf auf, mich selbst nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Und nicht immer nur darauf zu schauen, was andere brauchen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht für andere Menschen interessiere. Aber Leuten, die sich nicht auch für mich interessieren, laufe ich nicht mehr hinterher.

Mal schauen, wie es mit meinem Blog in Zukunft so weiter geht. Vielleicht wird aus dem Schreiben ja sogar mal ein richtiger Job, wer kann das schon wissen? Im Augenblick genügt es mir erst mal, dass ich Freude daran habe. Natürlich haben sich deswegen noch keine tollen Freundschaften ergeben und auch die Männer stehen nicht Schlange bei mir. Beziehungen müssen sich entwickeln, um richtig gut zu werden und das geht nicht von heute auf morgen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es wichtig für mich war, selbst aktiv zu werden. Nicht mehr darauf zu warten, dass sich im Außen etwas ändert, sondern die eigene Komfortzone verlassen, damit sich etwas bewegt. Diese Erfahrung hat mir geholfen, mich selbst besser kennen zu lernen und erst mal mit mir selbst Freundschaft zu schließen. Ich finde, das ist schon eine ganze Menge. Und alles andere wird sich auch noch finden.

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