„Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich lerne dann, wenn ich will!“
„Pass nur auf, dass du dich nicht im Ton vergreifst!“
Streitereien wie diese sind bei uns mittlerweile an der Tagesordnung. Ich bin allein erziehende Mutter von zwei Kindern, meine Tochter Leah ist sieben und mit ihr gibt es zum Glück keine Probleme, was das Lernen von zu Hause aus anbelangt. Die Kleine ist schon von Natur aus sehr wissbegierig, manchmal muss ich mich echt anstrengen, all ihre Fragen zu beantworten. Zum Glück hat sie eine sehr nette Lehrerin, die uns seit der Umstellung aufs Homeschooling jede Menge Lernmaterial zur Verfügung stellt. Bei Leah hätte ich eher Sorge, dass uns der Lernstoff bald einmal ausgeht, aber dann gibt es ja auch immer noch Fernsehen und Internet. Gerade in letzter Zeit gibt es da wirklich gute Angebote für Kinder, um ihnen die derzeitige Situation so leicht wie möglich zu machen. Digitale Rundgänge durch Museen und Zoos findet Leah derzeit besonders cool. Mit Volksschülern kann man ja auch noch gut mitlernen, der Stoff ist halbwegs überschaubar. Da muss man sich als Elternteil noch nicht so viele Gedanken um e-learning-Plattformen oder irgendwelche Lern-Apps machen.
Ganz anders verhält es sich mit meinem Sohn. Nico ist sechzehn und somit eigentlich nicht mehr schulpflichtig. Deshalb hatten wir auch schon vor der Corona-Krise jede Menge Diskussionen, wie es mit ihm in Zukunft weiter gehen soll.

„Ich hab einfach keinen Bock mehr auf Schule!“
Diesen Satz habe ich wahrscheinlich schon hundert Mal gehört.
„Dann lern eben einen Beruf, Lehrlinge werden ohnehin gesucht!“
Aber auch das wollte Nico nicht und derzeit ist sowieso alles anders. Ob er in Zeiten wie diesen überhaupt noch eine Lehrstelle findet, wage ich zu bezweifeln. Zumindest, wenn sich seine Noten nicht schlagartig verbessern.
„Gibt es nicht wenigstens ein einziges Fach, das dich interessiert? Früher hast du dich doch immer sehr für Naturwissenschaften interessiert!“
Aber es ist sinnlos, egal, was ich sage: Mein Sohn verdreht nur genervt die Augen. Dann schmeißt er die Türe hinter sich zu, verzieht sich in sein Zimmer und dreht die Musik bis zum Anschlag auf. Was soll nur aus dem Jungen werden?

Leider ist mein Ex-Mann auch keine große Hilfe. Er hat wieder geheiratet und seither hat Nico keine Lust mehr, seinen Vater zu sehen. Was mich nicht wundert, immerhin ist seine „Stiefmutter“ bloß zehn Jahre älter als er. Mit Leah gibt es da weniger Probleme, ihr Papa ist natürlich der Beste und sie freut sich, wenn sie ihn regelmäßig sehen kann. Allerdings geht das derzeit auch nicht - mein Ex muss sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmern und die Gefahr, dass jemand sie ansteckt, ist einfach zu groß.
Deshalb hocke ich jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit hier in meiner Wohnung und den Kindern und mir fällt die Decke auf den Kopf. Obwohl ich derzeit von zu Hause aus arbeite, kann ich mich kaum konzentrieren. Am Vormittag lerne ich mit Leah, dann stehen Kochen und Aufräumen auf dem Programm und am Nachmittag nervt Nico meistens mit seiner Musik, die so laut ist, dass man sie in der ganzen Wohnung hört. Das stört mich natürlich beim Arbeiten und meine Aufforderungen, mal ein bisschen leiser zu drehen und den Kopf zur Abwechslung mal wieder in die Bücher zu stecken, verhallen ungehört. Homeschooling und Homeoffice zu verbinden ist eine echte Herausforderung!

Mich würde echt mal interessieren, wie andere Eltern das machen? Ich jedenfalls war ich auf diese Form von Unterricht überhaupt nicht vorbereitet. Das alles ist schon ein ziemlicher organisatorischer Aufwand, immerhin bin ich keine ausgebildete Lehrkraft. Meistens bin ich schon froh, wenn ich neben meiner eigenen Arbeit und dem Haushalt den Lernstoff für Leah noch halbwegs im Auge behalte. Mich dann auch noch um Nico und seinen Unterrichtsstoff zu kümmern, überfordert mich derzeit total. Noch dazu, wo er mir überhaupt keinen Einblick gewährt, ein Sechzehnjähriger ist nun mal kein braves und fleißiges Volksschulkind mehr. Der lässt sich kaum noch etwas dreinreden und meine guten Ratschläge kann ich mir meistens sonst wohin stecken. Somit muss ich schon froh sein, wenn ich noch halbwegs nachvollziehen kann, welche Übungen gerade für ihn am Programm stehen. Das trägt natürlich auch nicht gerade dazu bei, mein Vertrauen zu festigen und mich zu beruhigen.

Außerdem fühle ich mich einfach eingesperrt. Ich bin es nicht gewohnt, jeden Tag zu Hause zu sitzen. So ist es wahrscheinlich kein Wunder, wenn ich immer öfter kurz vorm Explodieren bin.
„Kannst du nicht endlich mal die Klappe halten?!“ Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals so mit meinem Sohn reden würde, aber letztens sind mir echt die Nerven durchgegangen. Nico hatte sich gelangweilt zu Leah und mir an den Küchentisch gesetzt, wir waren gerade dabei, etwas zu basteln und er konnte einfach nicht aufhören, ständig zu ätzen.
„Dann geh doch wieder in dein Zimmer, wenn du es hier nicht aushältst!“ Diese Reaktion von mir war natürlich auch nicht gerade ideal, denn im Grunde möchte ich ja, dass wir alle drei gemeinsam Zeit verbringen. Nachher habe ich dann vor lauter Frust geheult. Wenn das hier noch lange so weiter geht, drehe ich noch durch!

Dabei wäre gerade jetzt die Zeit, um auch mal ein bisschen Familienleben zu genießen. Damit ist es bei uns aber nicht weit her. Nachdem Nico und ich uns kürzlich wieder mal eines unserer Schreiduelle geliefert haben, hat sich Leah mit kreidebleichem Gesicht ganz kleinlaut in ihrem Zimmer verkrochen.
„Ach Mäuschen, sei mir nicht böse. Nico und ich meinen das nicht so. Wir sind beide nur derzeit ein bisschen zu sehr gestresst.“
Aber es war sehr schwierig, Leah wieder zu beruhigen. In Zukunft muss ich mich wirklich mehr zusammen reißen, die Kleine versteht ja nicht, warum bei uns zu Hause in letzter Zeit der Teufel los ist. Wie soll ich ihr auch erklären, dass genau die Themen, die auch vorher schon präsent waren, jetzt umso unlösbarer scheinen? In der Quarantäne hat man eben keine Möglichkeit, sich abzulenken. Tag für Tag hocken wir aufeinander und wenn ich sehe, dass mein Sohn für die Schule kaum einen Finger krumm macht, könnte ich jeden Tag aufs Neue explodieren! Was denkt Nico sich bloß, wie das auf Dauer weiter gehen soll? Ständig spielt er irgendein Spiel im Internet oder schaut sich total bescheuerte Filme an! Nie hätte ich gedacht, dass sich der Junge, der noch vor ein paar Jahren so zurückhaltend und schüchtern war, in der Pubertät in ein mürrisches Monster verwandeln würde, das man kaum noch ansprechen darf.

Aber es hilft ohnehin nichts, mit Zwang und Gekeife erreiche ich gar nichts, das habe ich schon bemerkt. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich Nico teilweise auch verstehen. Wir Erwachsenen haben ja eine Welt geschaffen, die alles andere als ideal ist. Ich finde, das Baumsterben und der Klimawandel können einem schon Angst machen. Deshalb hat Nico sich auch eine Zeitlang in der Klimabewegung engagiert. Derzeit fällt das natürlich weg und ich glaube, er hat die Zuversicht in die Zukunft ein Stück weit verloren. Außerdem vermisst er wahrscheinlich seine Freunde. Immer nur Nachrichten schreiben, chatten und skypen ist eben doch nicht dasselbe. Außerdem ist Nico sportlich und sicher geht ihm auch die körperliche Bewegung ab. Da komme ich dann gerade recht, um mal ordentlich Dampf abzulassen. Als nervige Mutter, die nichts anderes im Sinn hat als einen ordentlichen Schulabschluss. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich der schulische Leistungsdruck nach Hause verlagert hat. Wen wundert es da, dass manche Teenager streiken und ihren Eltern den Stinkefinger zeigen?

Trotzdem mache ich mir natürlich Sorgen. Was, wenn Nico überhaupt nie wieder zur Schule geht? Das sagt sich alles so leicht: „Zeitgerecht aufstehen, nicht im Pyjama auf dem Sofa abhängen, To-Do-Listen-schreiben.“ Viele Eltern haben überhaupt nicht die Zeit und auch nicht die Nerven, sich gerade jetzt auch noch mit Fremdsprachen oder höherer Mathematik zu befassen. Die meisten sind wahrscheinlich froh, wenn sie ihren Job behalten und am nächsten Ersten die Miete zahlen können. Diese Sorgen bleiben dem Nachwuchs natürlich nicht verborgen. Meine Nichte Ines zum Beispiel soll heuer Matura machen, aber derzeit weiß ja noch kein Mensch, wie das funktionieren soll. Da liegen natürlich die Nerven blank und die Pläne der jungen Leute werden total über den Haufen geworfen. Dabei hatte gerade sie sich schon so auf ihr Studium gefreut. Im Gegensatz zu Nico weiß sie ganz genau, was sie will. Vielleicht bleibt Ines ja auch deshalb immer noch optimistisch. Ich wünschte, ich könnte das auch.

„Ich finde, in dieser neuen Form des Lernens liegt auch eine Chance“, hat sie letztens gemeint. Offenbar ist Ines der Ansicht, dass diese Umstellung die Möglichkeit bietet, auch mal etwas Neues auszuprobieren.
„Vielleicht ist digitales Lernen ja die Zukunft?“
„Na, sag das mal deinem Cousin. Nico sieht das offenbar anders.“
Aber vielleicht hat meine Nichte wirklich Recht, wer kann schon sagen, wie alles enden wird? Ich jedenfalls habe keine Ahnung. Im Vergleich zu anderen Leuten geht es uns aber ohnehin noch gut. Letztens habe ich gelesen, dass es etliche Familien gibt, die nicht mal Internet zu Hause haben. Ganz zu schweigen von den Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die dann natürlich zu wenig verstehen, um ihren Kindern beim Lernen helfen zu können. Wenn dann jemand auch noch im Supermarkt oder im Krankenhaus arbeiten muss, bleibt das Lernen mit den Kindern wohl manchmal ganz auf der Strecke. Abgesehen von den kleinen Wohnungen, in denen nicht jedes Kind ein eigens Zimmer hat und Kinder verschiedener Altersstufen keinen Rückzugsort haben, um sich konzentrieren zu können. Je unterschiedlicher die Familien sind, desto unterschiedlicher sind natürlich auch die Bedürfnisse. Eine Bekannte von mir hat zum Beispiel einen zehnjährigen Sohn, die hat jetzt Sorge, ob er den Übertritt aufs Gymnasium schaffen wird.

Zum Glück fließt die Heimarbeit angeblich wenigstens nicht in die Benotung ein. Das Lernen von zu Hause aus soll eher so gewertet werden wie eine Hausübung oder Mitarbeit. Vielleicht wirkt sich Nicos Nachlässigkeit dann nicht ganz so drastisch aus.
Das ist das Einzige, was mir derzeit noch etwas Hoffnung gibt. Diese Krise kann ja nicht ewig dauern. Vielleicht geht ihm ja früher oder später doch noch ein Licht auf, wenn er erst mal seinen früheren Alltag wieder hat.

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